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Das TV-Duell 2013 - Merkel vs. Steinbrück

Das TV-Duell, das keines war – ein spektakuläres Scheingefecht . Von Dr. Karsten Bredemeier, TopExecutiveCoach

Der klare Sieger:

Halbzeit: angriffslustiger Steinbrück, bessere Argumente Merkel, kompetenter Merkel, Steinbrück überzeugender, Sieger der Halbzeit: 44 Prozent Merkel, 43 Prozent Steinbrück.

Übrigens imponierte Merkel den Frauen und Steinbrück den Männern…

Endzeit: entscheiden Sie! Denn nun finden Sie jede Menge an Interpretationen, die Ihr Urteil verfälschen! … so die Ergebnisse der modernen Sozialpsychologie!!!

Beide Kontrahenten hätten ca. 10 Jahre Wahlkampf betreiben müssen, damit sie die 15 Mio Zuschauer auf Wahlkampfveranstaltungen hätten erreichen können – und das in 90 Minuten.

Adenauer, Erhard und Kiesinger lehnten wie auch Kohl (5x) solche TV-Duelle ab, erst Gerhard Schröder stieg gegen Edmund Stoiber in den Ring, dann Merkel insgesamt 3 Mal.
400 Journalisten, 800 Gäste, 8 Kameramänner und die vier Moderatoren.
Merkel war vorher geschminkt angekommen, Steinbrück liess sich im Studio schminken.
Der Münzwurf entschied, dass Steinbrück die erste Frage bekam, damit verblieb für die amtierende Kanzlerin das Schluss-Statement.

Doch ist es wirklich ein Duell gewesen?

Stellen Sie sich vor, Sie sehen einen Western, in dem beide Duellisten statt aufeinander, neben einander stehen und auf eine Zielscheibe schiessen … wir würden wegschauen. Anders in diesem Politik-Duell.
Beide Kandidaten sind gehalten, zu den Moderatoren zu antworten, beide weichen es auf.
Vorteil in der Perspektive: Steinbrück – er profitiert von zwei Dingen: als Rechtshänder kann er  links einknicken und eröffnet seiner starken rechten Hand die Gestik. Doch er steht falsch, beide Füße auf dem Boden, dadurch wippt er mehrfach und lässt die Schultern fallen.

Wir sind „die Menschen in diesem Lande“, bei beiden Duellanten, scheinbar ohne emotionalen Bezug zum Wähler, aber sachlich zu den Themen, die übrigens eine Woche vorher angelegt und offenbart waren.
Steinbrück hat zwar eine klare Botschaft, aber versucht, im Eingangsstatement zu viele Themen anzureissen, Frau Merkel zeigt auf die Vergangenheit, aber ist – doch nur anfangs -nervös.

Schwache Eröffnungsmoderationen durch verschachtelte Fragen, die Steinbrück und Merkel jeglichen Raum für Ihre Antworten lassen. Offene Fragen, offene Antworten mit Perspektiven ohne Konkretion. Polit-Talk schlechthin, hier sind drei Moderatoren zuviel an Bord, Peter Kloeppel reicht.
Merkel agiert sachlich, aber klotzt mit Plattitüden, selbst geschlossene Fragen vom linksorientierten Stefan Raab beantwortet sie mit offenen Antworten. Sie redet über Steuerzahler, Bürger, Wähler, Autofahrer – aber nicht zu uns. Platt. Aber: sie adressiert Peer Steinbrück persönlich, das macht sie besser als ihr Herausforderer, der dann allerdings darauf einschwenkt („gemeinsame Europapolitik“). Merkel punktet auch durch publikumsbezogene „Abnicker" („das ist doch  klar!“).

Peer Steinbrück balanciert zwischen bildhaften Vergleichen („Kreisverkehr der Kanzlerin“, „Wind unter die Flügel bekommen“, „ Profalla … auf der Apfelsinnenkiste des Marktplatzes“) und fundiert erscheinenden Zahlen, verwendet gegenüber den Moderatoren Gegenfragen, spricht dann aber auch die Zuschauer direkt an, klasse. Nur sein Lächeln bleibt aufgesetzt, seine Konzentration zeigt Präsenz, aber die Sprechpausen torpedieren seine fachliche Expertise. Zahlen, Daten – fundiert.

Schwächeln tut Steinbrück bei seinen verbalen Inkompetenzerklärungen („Ich verstehe es nicht!“), Merkel unterstreicht diese Eingeständnisse geschickt, schwächelt aber ihrerseits, als es um die NSA-Affäre geht, die auch Frau Merkel in dieser Tragweite scheinbar nicht verstanden hat, flach – aber Steinbrück lässt sie raus.
Augenscheinliches Signal ist die Korallenkette von Angela Merkel: schwarz-rot-gold – ein super unterbewußt wirkendes Zeichen, der Schlips von Peer Steinbrück ist sehr blass, hier versäumt er ein unterbewußt wirkendes Zeichen, Merkel macht das eindeutig besser.

Merkel signalisiert körpersprachlich drei Dinge:

  • ich stehe hier, aber auch müde von der Amtslast (und raffe mich dennoch auf)
  • dieses Duell muss sein, aber ich habe Verständnis für die herausfordernden Repliken von Herrn Steinbrück
  • hey, wir machen einen schweren, aber guten Job.

Dabei signalisert sie mit Micro-Tells leichte, aber wohlwollende und gelassene Genervtheit, öffnet sich körpersprachlich asymmetrisch (leicht herablassend) gegenüber Steinbrück, mitten in den Repliken von Steinbrück wendet sie den Blick ab und symbolisiert: „Nichts Neues im Osten…“(bei Steinbrück, rechts von mir!, „macht ruhig weiter“).

Bitte richtig deuten: sie signalisert durch Schulterzucken Abschätzigkeit… und gleichzeitig Verständnis… Steinbrück ist durchschaubar…

Steinbrück zeigt hingegen drei Dinge:

  • engagiert, aber unter Spannung („ Ich muß mich beweisen!“- angespannte Mimik)
  • nicht Merkel, sondern die Moderatoren sind seine Zuhörer, aber hier verfehlt er sein wirkliches Publikum – und vergisst die direkte Ansprache, die er anfangs hatte („Stress“)
  • Microtells in der Mimik zeigen enorme Anspannung, diese kann er nicht auflösen, beispielsweise durch Entspannung der Gesichtsmuskulatur – Lächeln wäre angesagt.

Bitte richtig verstehen: Steinbrück wirkt herablassend, aber er ist getrieben von „Ich weiss es besser … versteht mich doch!“

Steinbrück versagt peinlichst an seinem wichtigsten persönlichen Punkt: „Sind Politiker in diesem Land gut bezahlt?“ – Gegenfrage: „Was bezwecken Sie mit dieser Frage? … Ich werde auf diese Frage nicht antworten… Diskutieren Sie (unter den Moderatoren!) diese Frage doch untereinander!“ Hier wäre eine klare Antwort ein Statement der Ehrlichkeit… Merkel schwenkt darauf ein und fordert eine generelle gute Rente für alle, die jahrelang gearbeitet haben – kluger Schachzug, denn als Steinbrück darauf die Pensionen deckeln soll, fehlt ihm wieder die Konkretion… Merkel versteht es, durch allgemeine Aussagen Steinbrück die Konkretion zu überlassen, hier zeigt sich: Steinbrück ist inhaltlich engagierter, aber kommt das beim Publikum an? Versteht das der Zuschauer? Nein, er gerät in die Rechtfertigung und emotionale Verteidigung, ein Feld, das er nur schwerlich beherrscht: unklare, unvollständige Sätze, verschiedendlich das „ähh“ – oder passt er sich hier unbewußt Stefan Raab an?! Dieser schafft es, Peer Steinbrück emotional auf sich auszurichten, hier vergisst der Herausforderer sein Publikum, Merkel ist wenig anfällig dafür…

Deutliches Angebot von Merkel an Steinbrück zur großen Koalition, verklausuliert, aber geschickt, indirekte Absage und doch leichte Ansage an die FDP- 21.55 Uhr  – hier ist die Offerte. Steinbrück hat genickt, das Signal ist angekommen … wir wissen nun, wie es ausgeht. Ist diese politische Kernbotschaft angekommen?

Stefan Raab hat es erkannt, 21.58 Uhr, Glückwunsch! Hier hat er sich seinen Moderatoren-Platz verdient, die anderen patzen.
SchlagFertigkeit und Eloquenz von Steinbrück leiden unter dieser spektakulären Duell-Situation, hier hält er sich an seine vorformatierten Botschaften, aber verliert seine  Spontanität. Schade, diesen Vorteil spielt er Merkel gegenüber nicht aus… - hier verliert er seine Macht der direkten Worte…

Steinbrück redet zu schnell, auch wenn konzentriert, Merkel ist souverän und spricht langsam und konzentriert.

Schluss-Statement:                

Steinbrück wiederholt im Schluss-Statement seine negative Kernbotschaft vom „Kreisverkehr“, Hut ab! Wiedererkennungseffekt gelungen.
Merkel setzt im Schluss-Statement auf sich, auf das mütterliche Miteinander der Linden-Straße („Sie kennen mich!“) und richtet sich an das Publikum, besser gemacht mit dem Schlusswort. „Schönen Abend!“- dem sich die Moderatoren nur noch anschließen können.

...ein weiteres Update der repräsentativen Befragung:
Steinbrück überzeugender mit 49% zu 43% Prozent.