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Die Reputation des Uli Hoeneß

Ein Moment der Nachdenklichkeit. 

Die Diskussion über Uli Hoeneß, den Bayern-Boss, der gerade sein persönliches und öffentliches Waterloo durchlebt, ist seit Wochen das beherrschende Thema in allen meinen Seminaren und Veranstaltungen, im Coaching oder auch abends beim Absacker an der Bar.

Meine Gesprächspartner stellen mir als promoviertem Theologen und Kommunikationsstrategen für Reputation und Krisenintervention dabei diverse, häufig komplexe Fragen um das „Vergehen“, den „Sündenfall“ von Uli Hoeneß, aber vor allem zur Glaubwürdigkeit des „reuigen Sünders“ und seine Argumentationsstrategie.

Der „Fall Hoeneß“ ist einen Moment Nachdenklichkeit wert. Vielleicht den Moment, den viele von uns verpasst haben im „Fall Dr. (ade) Theodor von und zu Guttenberg“, bei Dr. (ex.) Annette Schavan oder Ex-Bundespräsident Christian Wulff und in vielen anderen Reputationsdesastern allà Zumwinkel und Co.

In der „Bild“-Zeitung, weiteren Interviews, aber auch in Morgenandachten warnte der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche Deutschlands, Dr. Nikolaus Schneider, mehrfach in diesen Tagen vor der öffentlichen „Zerstörung“ der Person Uli Hoeneß.

Dr. Schneider betonte gegenüber der BILD: „Auch ein prominenter Täter darf nicht als Person zerstört werden. Der öffentliche Pranger, den ich im Fall Hoeneß mitunter erlebe, ist auch Ausdruck von Selbstgerechtigkeit – als seien wir anderen grundsätzlich die besseren Menschen.“ … und damit zielte er keineswegs nur auf die Transparente beim Dortmund-Bayern-Duell „Lieber Schwarz-Gelb als SchwarzGeld!“, sondern auch auf unsere persönlichen Einstellungen in dieser Thematik.

Auf die entscheidende Frage, ob er denn Mitleid mit Uli Hoeneß habe, antwortete Nikolaus Schneider: „Ja, schon. Und mit der Bibel sage ich: Wir müssen zwischen Tat und Täter trennen.“ Für den Menschen Hoeneß bleibe „die Zusage Gottes bestehen: Auch als Täter bist du immer mehr als deine Tat! Diese Erfahrung wünsche ich Uli Hoeneß und uns allen von Herzen.“

Diese Aussagen teile ich, wenn auch mittlerweile kirchenfern.

Der Fall Hoeneß ist untragbar, seine Argumentationsstrategie und die vergeblichen Rechtfertigungsversuche sind ein Kommunikationsdesaster, in das viele Manager in ähnlichen Fällen zunächst verfallen. Bis dann aus ihrem Munde das scheinbar so einfache Wort „Entschuldigung“ gehaucht wird, verlieren sie weitere Glaubwürdigkeit durch lahme Verteidigungstiraden ihrer - auch plötzlich für sie – dennoch unerklärbaren Tat.

Hoeneß hätte nicht nur seinen Rücktritt anbieten dürfen, sondern auch vollziehen müssen – denn egal, wie es für ihn gerichtlich läuft, das „Spießrutenlaufen“ hätte er sich, wie Annette Schavan oder Christian Wulff zuvor oder Freiherr von und zu Guttenberg durch sein Abtauchen im Ausland ersparen oder vermindern können.

Grundsätzlich ist zu bedenken:

Ist der Täter ein „asozialer Krimineller“? -dann wäre es letztlich ein Psychopath, dessen Persönlichkeits-DNA bemitleidenswerte genetische Defekte ausweist. Doch die Bewertung eines solchen Menschen und seines Psychogramms ist äußerst schwierig und komplex, wie es Prof. Kevin Dutton in seinem Bestseller „Psychopathen“ nachweist.

Ist der Täter nur ein „Krimineller“? – das beurteilt die Justiz, die letztlich den Tatvorwurf und seine Komplexität beurteilt und Recht spricht.

Im Fall Hoeneß wäre es ratsam gewesen, frühzeitig eine umfassende und professionelle Kommunikationsstrategie gemeinsam mit seinen Anwälten und anderen Beteiligten/Betroffenen auf Vereinsebene und im Geschäftsleben als erfolgreicher Fabrikant aufzusetzen, die „Tat-Sachen“ nicht scheibchenweise auf Nachfragen oder mit Raum für (weitere spekulative) Interpretationsmöglichkeiten in der Öffentlichkeit preisgibt… Und hier ist der Manager gescheitert, denn temporäre „Spielsucht“ ist das falsche Erklärungsmuster, da es den Vorwurf der Steuerhinterziehung auf der falschen Ebene erklären soll(te), da ansonsten auch der Topmanager in seinem Job als Vorstandvorsitzender beim FC Bayern hätte versagen müssen.

Bitte trennen Sie zwischen Tat und Täter und bedenken Sie eines: Uli Hoeneß grübelt sicher seit Wochen Tag aus, Tag ein, er ist der öffentlichen Diskussion ausgesetzt, dem Spott, der Häme und den Steinwerfern im ethischen Spiegelkabinett unserer Gesellschaft. Viele Medien brechen den moralischen Stab über ihn, differenziert oder auch plattitüdenhaft.

Und wir sind auch häufig dabei, spielen gerne moralische Inquisition, errichten Scheiterhaufen und zünden selbst das Feuer an, bitte betrachten Sie aus diesem Blickwinkel einmal die Einträge auf Facebook oder Beiträge auf youtube.
Und aus dem Beratungsalltag erlebe ich viele, nicht immer so prominente Beispiele, wo Manager öffentlich gesteinigt werden, sie aber kaum Stellung beziehen dürfen, weil ihnen beispelsweise ihr Arbeitsvertrag die öffentliche Stellungnahme per Medienklausel untersagt. Doch die Gegner kennen kein Erbarmen und kein Mitleid, keine persönliche Demarkationslinie zwischen Tat und Täter. Und die öffentlichen Einschaltquoten für diese Schauprozesse sind gewaltig.

Doch abgesehen davon:

Uli Hoeneß bewegt sich jeden Tag im Kreise seiner Familie, die unschuldig (!) unsagbar mitleiden muss, wenn ein etabliertes und bisher wohlbehütendes Kartenhaus zusammenfällt. Und er schaut auch jeden Tag in den Spiegel – und in seiner Haut möchte ich auch dann nicht stecken. Sie etwa?

Der Manager Hoeneß hat meine (begrenzte) Sympathie verloren, mein Mitgefühl hat der Mensch Uli Hoeneß dennoch.

Zu Fragen der persönlichen Reputation stehe ich Ihnen jederzeit gerne zur Verfügung, in entsprechenden Kommunikationsstrategien ebenso – vor allem in Zeiten der Prävention, denn gelungene Reputation hat seinen KAIROS, das Hier und Jetzt, in unserem Alltag, Tag aus, Tag ein.

0172 / 240 4444 oder dr-bredemeier@t-online.de