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Schluss mit anonymisierten Botschaften

ER oder ICH?

Wir alle kennen die Gepflogenheit, das eigene „Licht unter den Scheffel zu stellen“, eine Angewohnheit, sich und das eigene Leben klein zu machen.
In der Kommunikation sprechen wir deshalb gerne vom Fassadenverhalten in der Selbstdarstellung. Ein Verhalten, wo das eigene Selbstbild gerne allein in der Rollenfunktionalität ausgedrückt wird und die Persönlichkeit hinter der bekleideten Funktion in einem Unternehmen geschmälert wird oder gar nicht zutage tritt.

Sten Nadolny, einer der viel gelesenen deutschen Schriftsteller der Gegenwart, beschreibt in seinem Roman „Er oder Ich“, S. 11, dieses Phänomen als positiv, da sein Roman(un-)held sich bewusst dieser Anonymität bedient: „Man kann, wenn man eine Beobachtung notiert, das ICH zum Subjekt machen, aber auch ein ER, obwohl man ICH meint. ICH macht die Gedanken schneller, ER lässt Ihnen, des Abstands wegen, mehr Erfindungsfreiheit. ICH kann nicht so leicht eine ausgedachte Geschichte behaupten wie ER. „Ich bin“ und „er ist“ – das sind Gefäße sehr verschiedener Art.“ „Er ist strategischer Berater bedeutender Klienten aus Wirtschaft und Politik“, das macht weniger argwöhnisch als ein „Ich bin“.
Nadolny weiter: „Sofort drängt sich die Frage auf: Was ist das für einer, der so von sich spricht? Ist es denn wahrscheinlich, dass ein ernstzunehmender Mann der Wirtschaft oder Politik sich so anhört? Wir sagen von so einem ICH, er rede reichlich geschwollen, und ziehen unsere Schlüsse daraus. ICH und ER sind zweierlei Netze; mit dem einen fängt man viele kleinere, mit dem anderen wenige und größere Fische!“
Doch Nadolny differenziert. Er differenziert, lässt seinen Ole Reuter im Roman bewusst einmal die eine, mal die andere Sprechweise wählen.

In der Praxis erlebe ich es anders – dort haben viele Manager der ersten und zweiten Ebene, häufiger Männer als Frauen, das Grundproblem der Anonymisierung.
Sie sprechen über „man macht Karriere, ergreift einen Job ...“ – aber dabei bleibt die Identität mit der beschriebenen Person auf der Strecke. Auch die Verbindlichkeit in Zusage oder bei Versprechen ist nur vage. Doch zugleich präsentiert dieses „man“ die eigene Unentschiedenheit und die Unsicherheit, verdrängt das Handeln und relativiert Schwächen, Ausrutscher und Verfehlungen werden harmloser, Betroffenheit anders deklariert und persönliche Gefühle verborgen. Doch auch Personen lässt „man“ außen vor, entpersonifiziert Geheimnisse oder Ereignisse, es entlastet zugleich das Gedächtnis.

In seinem Roman spottet Nadolny weiter: „Zur Schreiberei noch: Seit Jahrzehnten übt er ((sprich: Ole Reuter)) sich in einer Art Distanzmethode, versucht eigene Taten per „er“ zu erzählen, gründet also mit einem „neutralen“ Erzähler, der er selber ist, einen Verein zur Veredlung der Wahrheit (wir kennen das von Xenophons „Anabasis“). Außerdem glaubt er, mit der ER-Methode mehr zu „sehen“. Vergebens, seine Stärke heißt Wegschauen auch hier. Befindet sich stets zuverlässig dort, wo die Not der Welt nur als fernes Getöse wahrzunehmen ist.“ (S. 49 f.)

Zugegeben „man“ wie auch „frau“ flüchten gerne von der persönlichen Identifikation, es erleichtert so dann und wann das Leben, unseren Alltag. Andererseits – streichen wir dieses „man“ nicht bei jedem Geschäftsbrief als Rückfall in die verbale Unpersönlichkeit? Bitte kontrollieren Sie dieses „man“ deshalb stärker.

TIPP:
Lassen Sie bei einem wichtigen Telefonat Ihr Diktiergerät mitlaufen, kontrollieren Sie Ihre ICH-ER-MAN-Differenzierung.

Oder meiden wir vielleicht bewusst mit dem „man“ das Peinlichkeit produzierende „Ich“? Sagt also jemand: Ich bin einfach nicht im Rhythmus, bin auf der Trittleiter der Karriere gestolpert und auf dem Rückweg! – dann klopfen wir ihm – von wegen Sympathie – mitleidsvoll auf die Schulter und murmeln, dass es schon irgendwie werden wird.
Und andererseits: Bringt ein anonymisiertes „man“ im Gegensatz zu ICH kein mitleiderregendes Zeugnis zur Sprache, jammert kein schweres Schicksal vor, signalisiert Ruhe und Gelassenheit.
Noch schlimmer – eröffnet es uns doch die Möglichkeit, anstatt wie im vorausgegangenen Beispiel Mitleid zu erregen, eine demonstrative und tiefenpsychologische Demut zur Schau zu tragen: Da stehen wir am Zenit des Lebens [der nächste bleibt aus, der jetzige vergeht] und haben den Blick für die Vergänglichkeit. Aus dem persönlichen Abstieg wird ein entpersönlichtes Distanzspiel.
Doch – zufriedene (ich spreche nicht von erfolgreichen!) Manager haben das nicht nötig! Lassen Sie es, differenzieren Sie!

TIPP: Nehmen Sie das Manuskript oder den Präsentationstext Ihres nächsten Vortrages zur Hand – streichen Sie das „man“ dort, wo es nichtig ist. Sprechen Sie die entsprechenden Passagen bewusst mehrmals laut durch, als Ich-Botschaft. Trainieren Sie Ihr ICH!

Vertiefungsübung

Analysieren Sie bei Ihrem nächsten Meeting bei Ihrem Geschäftspartner das „man“ – wann sollte dieser es nicht einsetzen, sprechen Sie es ruhig einmal gegenüber vertrauten Kollegen an. Sensibilisieren Sie Ihre Sprache!

Ich-Botschaften sind

  • ...konfliktlösende Formulierungen
  • ...benennen eigene Emotionen
  • ...offen in der Formulierung und zugleichkalkulierbar in ihrem Anspruch
  • ...sind Feedback-Konfrontationen als Reflexion des Sprechers.

Man-Botschaften sind

  • ...anonyme Kommunikationskiller
  • ...beziehungslose Sprechmarotten
  • ...ausflüchtende Debattieransätze
  • ...entpersonalisierend und nicht-festlegend
  • ...sanfte Anfragen und Zusagen

Du-Botschaften

  • ...sind appellativ und fordernd
  • ...nehmen Entscheidungen vorweg
  • ...adressieren das Gegenüber und fordern die Stellungnahme
  • ...geben Verantwortlichkeit ab
  • ...provozieren Rechtfertigung und Erklärung

Wir-Botschaften sind

  • ...die Betonung von Gemeinsamkeiten
  • ...die Einforderung von Konsens
  • ...eine Unterstreichung der Teamleistung
  • ...Ausflüchte des Ichs
  • ...auf Wahrheitsgehalt zu überprüfen

Tipp: Falls Ihnen die Ich-Botschaft schwer über die Lippen geht, so gibt es einen kleinen Kunstgriff. Formulieren Sie Ihre Aussage aus Sicht Ihrer Vorgesetzten oder Kunden.

 

Ein Beispiel:
„Welche Kompetenzen ich mitbringe? Nun, für die Funktion war die erbrachte Leistung und Erfahrung aus mindestens drei Groß-Projekten gefragt, diese hatte ich als Projektleiter in dem XY-Projekt zur Mitarbeitermotivation bei der Firma Meyer, der Projektsteuerung im Fusionsprozeß bei ABC-CDE und in der strategischen Projektleitung bei der Unternehmensberatung GHI umfassend bewiesen. Die Projekte waren alle drei sehr erfolgreich, im Detail lässt sich dazu ausführen ...“