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Taktile Rhetorik und souveräne Dialektik im Alltag

In den Unternehmen sind die Mitarbeiter und Führungskräfte aufgefordert, sich „für die Sache“ zu engagieren und sachgerecht zu kommunizieren. Tolle Produkte und überzeugende Dienstleistungen, ein beschworener Teamgeist und ein starkes Miteinander in einem förderlich atmosphärischen, unternehmerischen Umfeld. So der Traum.

Als erlebtes Trauma jedoch gestaltet sich oftmals die Wirklichkeit, vorgelebt von den CEOs der wegweisenden Unternehmen, kulturell durchgereicht bis zum Pförtner.
Dort, wo es natürlich immer nur „um die Sache“ geht, schwelt brachial und heftig mit gnadenloser verbaler Brutalität das kommunikative Gegeneinander, fern ab der Sache in persönlichen Fehden ausgetragen. Verbale Tiefschläge sind an der Tagesordnung, selten als Florettstiche gesetzt, überwiegend als persönliche Breitseiten adressiert.
Traumatisierte Ex-Weggefährten berichten beispielsweise aus dem Umfeld vom verstorbenen Marketing-Guru Steve Jobs über seine Unkultur, die nur „Sieger“ oder „Versager“ kennt, in der die Produkte „wahnsinnig großartig“ oder „Scheiße“ sind.
Das hochgelobte Genie mutiert von heute auf morgen zum „Volltrottel“ (bozos), heute noch „unverzichtbar“, morgen gefeuert. Allen motivierenden Führungsprinzipien zum Trotz erweist sich der Job als „Helden-Arschloch-Achterbahn“, als lustfreies „hero-shithead roller coaster“- Herrschaftsprinzip.
Die Animositäten und Aggressionen trifft man überall an, früher höchstens plaudernd beim Bierchen am Stammtisch wiedergegeben, erhalten sie heute Einzug in den Medien und natürlich in die Unternehmenskommunikation. Infantile Kommunikationsmuster, vormals hinter der Maske der scheinbaren Höflichkeit versteckt, sind aktuell integratives Muss im lästernden und persönlich diskreditierenden Business-Smalltalk.

Vielfach ist das Unternehmen Schauplatz und Bühne von egomanischen Selbstdarstellern, die ihre Mitstreiter oder Gegenstreiter als verbale Fußabtreter benutzen und im Scheinwerferlicht des Fegefeuers persönlicher Eitelkeiten öffentlich auftürmen und auf dem hell auflodernden Scheiterhaufen verbrennen.
Höflichkeit ade, Respektlosigkeit vorprogrammiert: „Warum nicht lästern?“ – ist das doch der Sprengstoff, mit dem Karrieren gemacht oder beerdigt werden.
„Nehmer-Qualität“ bescheinigen wir spöttelnd demjenigen, der naiv „zur Sache“ in der Diskussion glaubt, sich melden zu müssen und dann als Schießscheibe verbaler Attacken unser Mitleid erntet. Die ehemals verbalen Heckenschützen konvertierten längst zu publizitätsbewußten Scharfschützen, die in vollen Salven ihre Witze auf Kosten anderer abschießen … und sich selbst dabei zelebrieren, frenetisch bejubelt und beklatscht vom unternehmensinternen oder öffentlichen Auditorium. Höhnisch scheint der Nobelpreisträger Ralph Brunche beäugt zu werden, der logisch-naiv argumentierte, dass „der Welt umfangreiche Beweise dafür vorliegen, dass durch einen Krieg lediglich Bedingungen geschaffen werden, die zu einem weiteren Krieg führen.“
Stammes- und Völkerkriege ja, Herr Prof. Brunche, aber doch bitte nicht unsere persönlichen Kleinkriege, seien Sie doch einmal Realist!
Und doch legen über so manches Unvermögen der verbalen Wortführer, den zwischenmenschlichen Respekt zu zeugen, zahllose geistige Friedhöfe und heruntergeglühte Scheiterhaufen unzivilisierter Subkultur in Unternehmen ein stummes Zeugnis ab.
Der Aufschrei der Opfer verhallt indes im blablativen Smalltalk der amüsierten Augen- und Ohrenzeugen.
Ist das Hornsignal zur Verbalattacke einmal ausgestoßen, ist der Attackierende jedoch längst nicht mehr Herr der bestimmenden Unternehmenswirklichkeit, sondern häufig sein eigener Sklave im turbulenten Wirrwarr unvorhersehbarer und unkontrollierbarer Geschehnisse.

Taktile Rhetorik und souveräne Dialektik im beruflichen Alltag sind deshalb notwendige Überlebensfaktoren, die wir benötigen, in einem kommunikativen Gegen- und konfusem Miteinander herausfordernde Gespräche und kritische Auseinandersetzungen zu meistern, damit wir letztlich uns dann doch auf die Sache konzentrieren…können.