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Wahrheit vs. Lüge

 

Wir bezeichnen das in der Kommunikation als „selektive Wahrheit!“. Sie müssen immer bei der Wahrheit bleiben, aber diese nicht immer ausführlich ansprechen.
Der Schauspieler Jim Carrey hatte in der Hollywood-Klamotte „Liar, Liar“ den Auftrag, einen Tag ohne Not – oder bewussten Lügen durchstehen zu müssen.
In vielen Magazinen schreiben Journalisten von ihren heiklen Aufträgen, eine ganze Woche lang nicht lügen zu dürfen – eine Wahnsinnsaufgabe.
Soziologen, Psychologen und andere Wissenschaftler haben längst wissenschaftlich untermauert, dass wir ca. 1 – 2 hundertmal am Tag zur geistigen Notbremse greifen und lügen. Selten geht es um die großen Dinge des Alltags, vielfach sind es die kleinen. Dort, wo wir uns mit sozialen Geräuschen bereits auf dem Weg ins Büro begrüßen: „Hallo, wie geht’s“ – „Danke gut!“. Klar, dass wir hier keine Informationsfrage gestellt bekommen, sondern ein Kontaktritual abgreifen, welches uns automatisch über die Lippen gleitet. Glattzüngig, abgeklärt und floskelhart schallt es durch unsere Welt.
Natürlich sind wieder einmal wir Männer die größeren, abgefeimteren Lügner. Bringen es auf ca. durchschnittlich 220 Wahrheitsbeugungen, Frauen planen scheinbar wirklichkeitsbezogener, sind weniger egomanisch in ihrem Verhalten und prestigerenitenter obendrein. Und natürlich gehört Klappern für uns zu unserem Handwerk, in dem wir uns ständig unter Beweis zu stellen haben.

Aber vielleicht sind wir Männer ja doch stärker belastet und knicken an Risikostellen deshalb eher ein? Wohl kaum.
Wo also lügen wir zwanghaft oder genötigt, aus Not oder Angeberei?

Männer:

Das Auto der Deutschen (Männer) liebstes Kind.

Da erleben wir in der Regel Autofahrprofis, gegen die ein Michael Schumacher nur mehr Material zur Verfügung hat, die Durchschnittsgeschwindigkeiten hinlegen, welche jedes Radargerät erblassen lassen und die Attributierungen „schlecht“ oder „ängstlich“ sind dem weiblichen Geschlecht reserviert. Ein Ammenmärchen natürlich auch, dass es extra Frauen  geben könnte, die besser am Motor herumschrauben oder das Rad schneller wechseln. Autofahren, Autofahrkunst – unsere Domäne. Da lassen wir doch lieber einmal auch eine Frau den Olymp einer beruflichen Topposition erklimmen.

 

Unser Job.

Ein bisschen mehr Verantwortung, eine etwas wichtigere Position, da blähen wir animalisch unser Ego auf, stellen uns dar als denjenigen, der seinem Chef gerade einmal die Meinung so richtig gegeigt hat. Na, der hat ganz schön gestaunt. Oder war es vielleicht doch eine wenig anders?!
Wir lügen andere bewusst an und uns selber in die Tasche. Leichte Wahrnehmungsverzerrungen sind normal, Wahrheitsausblendungen gehören quasi zum Job. Da lebt eine 30.000 Mann-Unternehmung schon einmal nur von einem Projektleiter, der in der Darstellung zum Supermann avanciert.

 

Sport und Freizeit.

Nach einem Wochenende des Müßiggangs mutieren die konsumierten Kalorienpakete zu verbalen Power-Riegeln. Aus dem Sporterlebnis vor dem Fernseher wir die rekordträchtige Leistung bei einem (eher mäßigen) Jogginglauf. Tiger Woods spielt gegen uns die ganz einfachen Pults schon fast wie ein Schuljunge. Ach ja, ich habe übrigens dem ehemaligen Tennis-Profi Michael Stich Lehrstunden erteilt und andere, ca. 40 Olympiateilnehmer, Weltmeister und Nationalkadermitglieder aus unterschiedlichen Bereichen vom Segeln bis zum Bobfahren trainiert. Mein Typ? 1,75 groß, geballtes Power-Paket mit knapp 70 kg. Gut, also genau 74,5 Kilo. Also, Fakt ist, diese Spitzensportler kommen bei mir ganz schön ins Schwitzen beim Kräftemessen.
Sicher ist es unwichtig, dass ich dabei weder das Racket beim Tennis schwang noch das Segel aufgerichtet habe. Zugegeben, ich habe sie nur für Fernsehauftritte gecoacht. Doch wie gesagt: Sie haben ganz schön Schweiß gelassen.

 

Unsere Partnerschaft

Treu und loyal sind wir ebenfalls, dem Heimchen am Herd eine notwendige und erfolgsgewohnte Stütze.
Beiläufig fast zeichnet sich dann bei Nachfragen ein anderes Bild. Der Zwanzigjährige Sohn rebelliert, die erwachsene Tochter straft mit Verachtung: „Papa, Du warst die letzten Jahre auch nicht verfügbar, als ich Dich brauchte, jetzt kann ich mein Leben auch ohne Dich bestens meistern.“
Bleibt quasi dann noch die Geliebte, die dem „Prinzip Hoffnung“ (Ernst Block) verschrieben ist und darauf wartet, dass wir irgendwann doch einmal Mut finden, aus dem Jammertal auszubrechen und „reinen Tisch machen“, anstatt die prekäre Situation unter den Teppich zu kehren.
Aber die Geliebte wird dann nur dem Freund gebeichtet und das wiederum in einer Darstellung des Platzhirsches und tollen Hechts, den wir so gerne abgeben würden. Die Damenwelt liegt uns zu Füßen – wobei das Mannsbild auf dem Sockel der Eitelkeit nicht nur Risse aufzeigt, sondern bröckelt, ja in der ruhigen Stunde zerbröselt. Staub bist Du und zu Staub wirst Du werden. Setzt doch der Abgang bereits tagtäglich ein, wobei wir noch vegetierend mit Lügen dagegen halten.
Erbärmlich scheinbar die weiblichen Ausgaben der Menschheit. Lügen sie doch allen Ernstes beim Alter, wo für uns Männer nur die Reife und Lebenserfahrung zählt. Gewichtsangabe? Wo Frauen lügen, beweisen wir ausschweifendes Leben eines Lebemannes. Jedes Pfund ist Lebenserfahrung, Speckpolster eines harten Tages. Und in der Partnerschaft steht bei Frauen ganz oben die Orgasmuslüge – dort, wo wir pre- und postpotent unseren Mann stehen und Macht Potenz symbolisiert.

Sag die Wahrheit – nichts schwerer als das. Und doch, stützen uns die Wissenschaftler, ist das Talent, die Kunst zur Täuschung sogar ein Zeichen der Intelligenz. Das Zauberwort lautet Mentiologie, Lüge steckt bereits in unseren Genen, die phänomenale Entwicklung unseres großartigen Gehirns war nur durch den sogenannten Prozess des Codierens und Decodierens von Lug und Trug, Wahrheit und Lüge, Halbwahrheit und gezielter Desinformation möglich.

Notlügen, Selbsttäuschungen oder Verkohlen und der gute Ton der Halbwahrheit. Das Kaleidoskop ist so facettenreich wie die Notwendigkeit des Lügens sich qualifizieren lässt.

„Der Ehrliche ist der Dumme“ resümierte einst Ulrich Wickert und postulierte eine prähistorische Gradlinigkeit. Übersah er denn nicht, dass der Wahrheit unnötige Streitgespräche und überflüssige Diskussionen, zahlreiche Konflikte und überdrüssige Dialoge entsprangen? Dass – allen Ernstes – jeder Wahrheit ein Rattenschwanz von Rechtfertigungen folgt und jede offensichtlich Wahrheit düpieren kann und noch mehr Wahrheiten einfordert.

Ein Beispiel:

„Du fragst, ob es mir geschmeckt hat? Hast Du mich überhaupt gefragt, ob Du kochen kannst? Warum fragst Du nicht, wie mir Deine Kochversuche zum Halse heraushängen und jedes Mal auf den Magen schlagen? Habe ich denn eine Wahl zum obligatorischen Ja? Warum verschlinge ich dort, wo ich kann, am liebsten die Currywurst mit Fritten?“

Der innere Dialog lässt sich kaum stoppen, die Zunge fertigt unser Überkochen ab und doch lautet die Antwort: „Toll, wirklich toll!“ Nicht, dass ich dich, geliebtes Heimchen am Herd nicht aufrichtig liebe, aber ist es nicht ein Zeichen meiner erfüllten Liebe zu Dir, dass ich über das Schweigen hinaus sogar – lüge?!

TippLernen Sie Schlagfertigkeit als Ausweis Ihrer gereiften Persönlichkeit einzusetzen.