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Mit der Sprache spielen

Mensch ärgere Dich nicht - breche die Regeln und gewinne…

Ein bekannter deutscher Personalberater sprang  in kritischen Honorarverhandlungen manchmal überraschend auf, stellte sich ans Fenster – und schwieg. Dieses tat er solange bis sein enervierter Auftraggeber nach und nach mit Engelszungen auf ihn einredete und zur Rückkehr an den Verhandlungstisch brachte – meistens unter Honorarzugeständnissen. Natürlich tat er das nicht in jeder beliebigen Situation, sondern dann, wenn das Gespräch sich an einem Verhandlungspunkt festfraß.

In dem Roman von James W. Ellison „Forrester – gefunden“ hinterfragt der gealterte Pulitzer-Preisträger William Forrester seinen Schüler Jamal: „Aber mal angenommen, du würdest die Regeln brechen. Welches Risiko gehst du damit ein?“ „Dass ich es zu oft mache“, antwortet dieser.
Es lenkt ab, genau, aber nicht nur den Gesprächspartner sondern auch den Gesprächsführenden, der sich kaum noch mit den Inhalten, sondern oberflächlich auf die zu brechenden Regeln seines Gespräches konzentriert.
Doch der tradierte, reglementierte Ablauf einer Verhandlung oder einer Konferenz gründet häufig auf tönernen Füssen einer falschen Höflichkeit oder auch  einer wackligen Grundlage zweifelhafter Regeln, die schon seit Jahrzehnten von viel zu vielen Kommunikationstrainern und Lehrern weitergegeben werden.
Doch einige der besten Verhandlungstaktiker brechen diese Regeln – mit durchschlagendem Erfolg.
Doch weiterhin gilt, dass diese Regeln mit einer bestimmten Absicht gebrochen werden müssen, sie sollen keinen Gesprächsabbruch herbeiführen, sondern eine Irritation im Gespräch erzeugen – die zu einem taktischen Vorteil führt.
Dieses geschieht auf der Beziehungsebene, es ersetzt keinesfalls die Inhalte.
Zielsetzung ist keine Guerillastrategie, die bestenfalls Dschungelkämpfern zu eigen ist, vielmehr eine Art strategisch-taktisches Schachspielen auf der Klaviatur der verbalen, para- und nonverbalen Möglichkeiten mit der Virtuosität eines Horowitz.

Rupert Lay schreibt dazu: „Nicht wenige Sieger demonstrieren ihre Dominanz sprachlich. Gelegentlich eignen sie sich ein elitäres Sprachverhalten an. Nicht selten wird jedoch die Sprache verwandt, um die Ausübung der Siegerdominanz zu verschleiern. Siegerdominanz kann sich verbergen hinter Äußerungen der Zuneigung, der Abneigung, der Überraschung, des Lobes, der Bitte um Rat und Hilfe.“ (Wie man sich Feinde schafft, S. 142).
Regelbrecher spielen bewußt oder unbewußt, offen oder verdeckt, direkt oder indirekt ihre Spiele.
Unter dem sachbezogenen Deckmantel gleichberechtigter Kommunikation, unter dem Anschein, miteinander, füreinander und zueinander im Gespräch zu sein, wählen sie passende Spielregelen-Strategien, die nur ein Ziel verfolgen: sich bzw. ihre Meinung durchzusetzen.
Was auch immer ihnen vorzuwerfen ist, ihr Repertoire an Regelbrüchen kennt kaum eine Grenze, ihr Ideenreichtum - sprachlich wie methodisch - ist schier unerschöpflich, ihr Sprachgebärden spiegelt die ganze Klaviatur der Kommunikation wieder.
Führt der eine Weg nicht zum Ziel, so schleichen sie sich durch’s Gebüsch, durch das Gestrüpp einer Team-Besprechung, reißen alte Brücken ein, bauen neue am Ufer entlang, taktieren mit anderen Gesprächspartnern, verlieren jedoch dabei ihr Ziel nicht aus dem Auge und  - brechen die Regeln.
Sie schaffen Wechselbäder der Gefühle, sind weich, wo man Härte erwartet, werden hart, wo man Kompromisse zu hoffen wagt. Ändern Spielregeln, Koalitionen, Intuitionen wie andere ihre Socken wechseln.

Eric Berne, Spiele der Erwachsenen, beschreibt diese Regelbrüche (S. 57) so:

„... Es läßt sich auch beschreiben als eine periodisch wiederkehrende Folge sich häufig wiederholender Transaktionen, äußerlich scheinbar plausibel, dabei aber von verborgenen Motiven beherrscht; umgangssprachlich kann man es auch bezeichnen als eine Folge von Einzelaktionen, die mit einer Falle bzw. einem trügerischen Trick verbunden sind. Spiele ((sprich: Regelbrüche)) unterscheiden sich von Verfahren, Ritualen und allen Arten von Zeitvertreib hauptsächlich durch zwei Merkmale:

1. durch die Tatsache, daß sie von verdeckten Motiven beherrscht werden, und
2. durch ihren Nutzeffekt. Verfahren mögen erfolgbringend, Rituale wirkungsvoll und alle Arten von Zeitvertreib nutzbringend sein, aber ihrem Wesen nach sind sie alle offen und ehrlich; sie können mit einem Wettstreit verknüpft sein, ...!“

Dialektiker überreden, indem sie ihre Gesprächspartner auf der scheinbaren Sachebene festnageln, anderseits aber ihn genau dort ausbremsen, indem Sie die Regeln brechen.
Mensch ärgere Dich!

TIPP: Analysieren Sie beim nächsten Meeting einmal jene Situationen, in denen die Gesprächsteilnehmer auf dem Glatteis der Wahrheit mit beschränkter Haftung ausrutschen und trotz überzeugenderer Sachargumente scheitern. Analysieren Sie die dialektischen Muster.

Profis wissen deshalb: wer einen Trumpf aus dem Ärmel ziehen will, der muß ihn vorher hineinstecken. Die besten Methoden zur Anwendung – und/oder wie Sie dagegen angehen.

Geschickt spielen diese regelbrechenden Dialektiker hier Ihre Spielchen :

  • Sie hierarchisieren in einer hierarchiegelösten Situation, setzen Grenzen und überwinden diese, problematisieren, desorientieren und binden wieder zusammen.
  • Sie bitten um konstruktive Lösungsvorschläge ... und schmettern sie dann mit subtiler Destruktivität ab,
  • Sie haben jenes betretene, ratlose und ideenarme Schweigen im Gespräch heraufbeschworen ... und sich auf dem Höhepunkt des kollektiven Schweigens als motivierende Retter in der Gunst der Stunde präsentiert,
  • Sie haben wie barmherzige Samariter die Helfer-Instinkte der Kollegen aktiviert ... und dann in der Minute, wo „Not am Mann“ ist, demonstriert, daß konstruktive Hilfe aus der Not geboren wird und letzlich wiederum nur in der akzentuierten Selbsthilfe besteht ,
  • Diese Regelbrecher beherrschen die Kunst, sich artig Feinde vom Halse zu halten, indem sie abgefeimt die potenzielle Lebensklugheit und den Erfahrungsschatz der Kolleginnen und Kollegen  sauber auseinandernehmen, als nicht-zielführend deklarieren und letzlich desavouieren. Und diese Regelbrecher liquidieren schließlich alle Ideen, verwerfen Sie als nicht praxisrelevant,
  • Sie bieten scheinbar sachbezogen emotional Spiele an, machen aus Kollegen Mitspieler oder schlimmstenfalls Spielbälle, desorientieren durch geschickte Interventionen, geben Regeln vor, brechen dann diese, ... und gewinnen schließlich durch die Ihnen eigene Souveränität aufgrund der heraufbeschworenen Hilfeschreie Ihrer hilflosen Gesprächspartner.    Spiel - Satz – Sieg. Und Niederlage auf der Seite der anderen.

Natürlich ist das alles nur ein ganz großes, lustiges Spiel, wo die Kollegin, die sich erdreistet, Widerworte zu geben, als „Zicke“ mit „typisch „weiblicher Logik“ deklariert wird, der Kollege, der Einspruch anmeldet, zum „Außenseiter“ und gruppendynamischer Blockierer wird.
Sollten Sie meinen, dass dieses Spielchen allen Ernstes harmlos ist, könnten Sie Stein und Bein darauf schwören?
Gewinnen ist für Regelbrecher nicht alles, es ist das einzige. Das einzige, das zählt.
Zeigt es doch letztlich, wieregelbrechende, provokante Dialektiker geschickt ihre eigene Vorstellungen, ihre eigene Ideen auf Kosten aller anderen egozentrisch und in geschickter Selbstinszenierung „durchboxen“.
Hätte Mr. Dialektik seine eigene Ziele und Motivationen, Vorstellungen und Pläne, Ansätze und Konzepte direkt preisgegeben sollen?
Nein, denn dann wären die wenig geschätzten Kollegen doch direkt dazu übergegangen, diese kritisch zu hinterfragen. Er wäre Gefahr gelaufen, dass man wirklich über die Sache geredet hätte, sich konstruktiv ohne Spielchen sogar mit ihm über die letztendlich erwirkte Lösung einen heftigen Disput geliefert hätte, es wäre weniger lustig gewesen, ohne Spielraum für Taktiererei und verschlungene kommunikative Strategie, ohne Opfer.
Klar, dass diesem ein Regelbrecher als geschickter Dialektiker gekonnt ausweicht.
Statt das Gespräch zu akzentuieren und Wagenburgen aus Positionen zu errichten, wie ungeschickt er es als erfahrener Dialektiker bezeichnet, moderiert eine emotionalisierte Diskussion, verwickelt hier, verwickelt dort, bindet hier ein und grenzt dort aus.
Das wäre auch aus seiner Sicht des Spielers seinem Ziel kaum dienlich, so dass er am Höhepunkt der kulminierenden Zweifel das Ruder in der Diskussion herumreißt und wieder einmal als Retter in der Not seine Lösung präsentiert, präsentieren muß.
Seine eigene Mitwirkung führt dazu, dass „kommunikativ alle Mann von Bord“ gehen und letztlich er das Ergebnis heraufbeschwört, das Ruder in die Hand nimmt und die von ihm selbst errichteten kommunikativen Klippen umsteuert, als „Not am Mann“ war.
Er wird zum Held der Stunde – an einem Tiefpunkt, wo niemand noch mit einem Ergebnis rechnet und der Dank ist ihm gewiß.
Dialektiker beherrschen das Selbstinszenieren der „Siegerdominanz durch Sprache“, als Regelbrecher beherrschen sie primär und zweifelsfrei vor allem dominante Kommunikation, sie beherrschen Gesprächsmoderation in ihrem Sinn, beschwören Solidarität aller Mitspieler, betonen nach außen gerne ihre sachbezogene (Schein-) Neutralität, stellen ihr Licht gerne neben, aber niemals unter den Scheffel, geben manchmal klein bei, um dann im Licht und Fegefeuer der Eitelkeiten umso größer erscheinen zu dürfen.

Lassen Sie uns noch einmal Rupert Lays Aussage dazu auf uns wirken:

„Nicht wenige Sieger demonstrieren ihre Dominanz sprachlich. Gelegentlich eignen sie sich ein elitäres Sprachverhalten an. Nicht selten wird jedoch die Sprache verwandt, um die Ausübung der Siegerdominanz zu verschleiern. Siegerdominanz kann sich verbergen hinter Äußerungen der Zuneigung, der Abneigung, der Überraschung, des Lobes, der Bitte um Rat und Hilfe.“ (Wie man sich Feinde schafft, S. 142).

Regelbrecher und Dialektikprofis spielen auf der ganzen Klaviatur der Sprache, nutzen bewußt oder unbewusst das gesamte Spektrum der dialektischen Auseinandersetzung, kommunizieren gleichsam ´mal offen, ´mal verdeckt, inszenieren direkt oder indirekt ihre Spiele, indem sie geschickt das Kaleidoskop aller Taktiken im Gespräch oder der Auseinandersetzung ablichten.

Ettikettiert mit dem verschleiernden Deckmantel solidarisch motivierter, partnerorientierter und selbstverständlich gleichberechtigter Kommunikation, unter der Vorgabe und dem Anstrich einer fürsorglichen Hingabe miteinander, füreinander und zueinander im sachbezogenen und konstruktiven Gespräch zu sein, setzen sie diese regelbetonten Spiele auf, wählen und variiern  passende Spiel-Strategien.
Doch nur das Ziel zählt, nicht der Weg ist das Ziel: sich bzw. seine Meinung durchzusetzen.

Betrachtet man es als Unbeteiligter, so drängt sich sehr schnell ein starker Eindruck auf: das Repertoire  der Regelbrecher und ihrer subtilen Spiele kennt kaum eine Grenze – und wenn werden diese überquert, ihr methodischer und taktierender Ideenreichtum - sprachlich auf höchstem Niveau - ist schier kreativ und unergründlich in der Motvation, ihr Sprachgebärden ausgeprägt, die Ansätze spiegelen die ausgefeilte ganze Klaviatur der unfairen und fairen Kommunikation  mit allem Facettenreichtum wieder.

Der Weg ist das Ziel? Vergessen Sie es, das Ziel ist das Ziel, führt der eingeschlagene Weg nicht zum avisierten Ziel, gerät er zur Sackgasse oder Einbahnstraße, so schlagen sie sich durch’s Gebüsch einer Konferenz, durch das Gestrüpp der jeweiligen Team-Besprechung, reißen vordergründig mit Killerphrasen oder motivierend  bewährte Brücken ein, konzipieren und planen, weisen und bauen neue Hängebrücken am Ufer entlang. Sie  taktieren regelbrechend mit anderen Gesprächspartnern, verwickeln und verbünden sich, paktieren und solidarisieren, beschwören und philosophieren, emotionalisieren und beruhigen.
Niemals, niemals verlieren Sie jedoch ihr eigenes Ziel nicht aus dem Auge, dem sie auch gerne jedes kollektive Ziel unterorden, sind sie sich doch selbst am nächsten.

Wechselbäder der Gefühle sind ihre Welt, das kommunikative Yin-Yan ist ihre Lebensphilosophie. Weichheit , wo wir Härte erwarten, Härte, wo wir Kompromisse zu hoffen wagen.
Änderungen oder Deklarieren von  Spielregeln, Koalitionsgebuhle, Intuitionen – es ist ihr Leben und so vertraut wie uns das Wechseln der Socken.
Eine aufgesetzte und periodisch wiederkehrende Folge sich häufig wiederholender Spiele, dargestellt in kommunikativen Transaktionen, äußerlich immer (scheinbar) plausibel, dabei aber von verborgenen, im Innersten ganz und gar egomanischen und egozentrischen Motiven beherrscht. Umgangssprachlich  auch als  eine Folge von verwirrenden und nicht immer ergebnisorientierten Einzelaktionen zu bezeichnen, die mit einer subtil aufgestellten Falle bzw. einem mobbenden, dialektischen, entsolidarisierenden, in jedem Fall  aber trügerischen und taktilem Trick verbunden sind.

Und wenn es sein muss, so beenden sie komplexe Gedankengänge und konstruktive Gespräche mit geistreichen oder unter die Gürtellinie gehenden „Killerphrasen“, bei denen sie ebenfalls nicht zimperlich sind.